Crowdfunding, Wirtschaftsförderung und Regionalentwicklung

Potenziale und Best-Practise-Projekte

Viele Städte und Regionen stellen sich die Frage, wie sie die Potenziale der Digitalisierung nutzen können. Bis vor kurzem konzentrierte sich die Diskussion hierzu vor allem auf die Frage, wie sich urbane Prozesse mithilfe technologischer Innovationen kontrollieren, steuern und optimieren lassen. Dieser Fokus lenkte lange Zeit von einer viel grundsätzlicheren Fragen ab, nämlich: Wie lassen sich technologische Innovationen für eine nachhaltigere, demokratischere und gerechtere Entwicklung in unseren Städten und Regionen nutzen? Die Erkenntnis, dass die digitale Stadt vom Menschen aus gedacht werden muss, setzt sich heute jedoch zunehmend durch.

„Crowdfunding“ ist ein Begriff, der in diesem Zusammenhang häufig genannt wird. Er bezeichnet eine neue Art der Finanzierung von Projekten, die entweder alternativ oder in Ergänzung zu öffentlicher Förderung, Banken oder Stiftungen eingesetzt werden kann. Beim Crowdfunding finanzieren viele Menschen gemeinsam ein Projekt. Dies ist grundsätzlich nichts Neues. Jedoch hat das kollektive Finanzieren von Vorhaben durch den digitalen Wandel natürlich eine vollkommen neue Dimension erlangt.

Crowdfunding kann gerade im lokalen oder regionalen Kontext Impulse setzen, die weit über die gemeinsame Finanzierung von Projekten hinausgehen. Denn dort, wo das Gestaltungspotenzial von engagierten Bürgern, die Innovationskraft von Gründern und die Ideen von Kreativen schlummern, bietet Crowdfunding die Chance, Projekte und Vorhaben mit gebündelten Kräften zu finanzieren. Städte und Regionen, die Crowdfunding unterstützen, fördern also die Initiative der Menschen und tragen dazu bei, dass Projekte in die Tat umgesetzt werden, die viele Menschen überzeugt haben. Richtig umgesetzt hat Crowdfunding somit das Potenzial, Demokratie und Teilhabe zu stärken sowie Innovationen und Lebensqualität zu fördern. Und das stärkt die Resilienz unserer Regionen und Städte, also ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen und ihre Fähigkeit, auf Veränderungsprozesse mit innovativen Lösungen zu reagieren.

Mit unserer sozialunternehmerischen Initiative place2help Rhein-Main haben wir uns 2017 auf den Weg gemacht, um diese Potenziale für die Metropolregion FrankfurtRheinMain zu erschließen. Die Grundlage bildete ein neues Modell für regionales Crowdfunding, das wir hier vorstellen möchten. Der Artikel richtet sich an Verantwortliche aus Politik und Verwaltung, die die digitale Stadt vom Menschen aus denken wollen und neue Wege bei der Finanzierung lokaler Projekte und Gründungen unterstützen möchten. Er soll für die Potenziale von Crowdfunding sensibilisieren und anhand von place2help Rhein-Main exemplarisch aufzeigen, wie eine wirkungsvolle regionale Crowdfunding-Strategie gestaltet sein kann.

Crowdfunding – ein demokratisches Finanzierungsinstrument

Crowdfunding bedeutet, dass Projekte und Vorhaben durch eine Vielzahl an Unterstützern finanziert werden. In Abhängigkeit von der Gegenleistung, die ein Unterstützer erhält, werden verschiedene Crowdfunding-Arten unterschieden (vgl. Abb. 1).

Abb.1: Übersicht Crowdfunding-Arten
Abb.1: Übersicht Crowdfunding-Arten

Mit Indiegogo und Kickstarter entstanden 2008/2009 die ersten Plattformen in den USA. Die deutschen Plattformen Startnext und VisionBakery gingen 2010 online. Mittlerweile existieren über 100 Crowdfunding-Plattformen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, Konzepten und Konditionen. Auf der Mehrzahl der vorhandenen Plattformen gilt das Alles-oder-Nichts-Prinzip. Es sorgt dafür, dass nur Geld fließt, wenn die Crowd das Projekt wirklich will und zu 100% unterstützt. Erreicht ein Projekt das festgelegte Finanzierungsziel nicht, wird das Geld an den Unterstützer zurückgezahlt. Die Menschen entscheiden also mit, welche Projekte und Ideen realisiert werden. Auch deshalb gilt Crowdfunding als demokratisches Finanzierungsinstrument.

Aktuelle Studien zeigen, dass der Crowdfunding-Markt in Deutschland in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen ist. Das Crowdfunding-Barometer von crowdfunding.de ermittelt jährlich die Bekanntheit und das Verständnis von Crowdfunding sowie die Beteiligungsquote an Crowdfunding-Projekten. Crowdfunding ist mittlerweile bei mehr als zwei Dritteln der Befragten bekannt, gut ein Drittel weiß, worum es konkret geht. 18% der Befragten gibt an, schon mal ein Crowdfunding-Projekt unterstützt zu haben (vgl. Abb. 2). Da die Affinität zu Crowdfunding gerade bei der jüngeren Generation besonders ausgeprägt ist, ist auch in Zukunft mit einer weiteren Etablierung von Crowdfunding zu rechnen.

Abb. 2: Crowdfunding im Vier-Jahres-Trend
Abb. 2: Crowdfunding im Vier-Jahres-Trend
Basis: Crowdfunding-Barometer 2018: Deutschlandweite Online-Repräsentativbefragung von 1.000 Personen ab 18 Jahren.- Download unter https://www.crowdfunding.de/wp-content/uploads/2018/06/Crowdfunding-Barometer-2018-crowdfunding.de_.pdf

Erfolgreiche Crowdfunding-Projekte und deren Wirkung für Städte und Regionen

Was Crowdfunding im regionalen Kontext bewirken kann, lässt sich am besten anhand konkreter Beispiele aufzeigen:

Crowdfunding und Stadtentwicklung:
die Luchtsingelbrücke in Rotterdam

Eins der weltweit spektakulärsten Crowdfunding-Projekte im Bereich Stadtentwicklung ist die Luchtsingel-Brücke in Rotterdam.  Die 390 Meter lange, gelb gestrichene Holzbrücke verbindet heute drei Stadtviertel, die ehemals durch breite Straßen voneinander getrennt waren. Gestartet wurde die Kampagne durch ein Architekturbüro. Die Crowdfunding-Kampagne diente aber nicht nur der Finanzierung des Projektes, sondern auch dazu, das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zu gewinnen. Denn wie bei vielen Projekten, die große Veränderungen bewirken wollen, waren einige zunächst skeptisch. Die Rechnung ging auf: Der erste Brückenabschnitt wurde von 10.000 Bürgern finanziert, deren Namen in die Holzplanken der Brücke eingraviert wurden. Heute ist die Brücke nicht nur ein Symbol dafür, was man gemeinsam bewirken kann, sondern hat auch zur Revitalisierung innerstädtischer Infrastruktur beigetragen.

Nähere Infos: www.smart-magazine.com/luchtsingel-rotterdam

Crowdfunding und zukunftsfähige urbane Mobilität:
Green City Crowd

Wie mithilfe von Crowdfunding und Bürgerbeteiligung die Mobilität in Städten nachhaltiger gestaltet werden kann, zeigt ein Projekt in München. Über die Crowdinvesting-Plattform Green City Crowd haben die Menschen die Möglichkeit, in den Ausbau der Flotte für ein städtisches E-Roller-Sharing zu investieren – und dafür bis zu 4,25% Zinsen zu erzielen. Mit den 1,1 Mio. €, die bis dato gesammelt wurden (Stand: März 2019), konnten bereits 350 E-Roller angeschafft werden. Aktuell nutzen 22.000 angemeldete User das Sharing-Angebot. Die Wirkung des Projektes ist gigantisch. Zum einen wird eine echte, nachhaltige und durch eine breite Basis unterstütze Verkehrsalternative für München geschaffen. Zum anderen trägt die Crowdfinanzierung dazu bei, dass die erzielte Rendite in der Region bleibt und viele Bürgerinnen und Bürger davon profitieren.

Nähere Infos: www.greencity-crowd.de

Crowdfunding und Gründungsförderung:
das Zero-Waste-Start-Up gramm.genau

Gramm.genau heißt der erste Unverpackt-Laden mit angebundenem Zero-Waste-Café in Frankfurt. Die GründerInnen haben mithilfe der Crowd ein nachhaltiges Angebot geschaffen und eine Lücke in der lokalen Versorgungsstruktur geschlossen. Die Crowdfunding-Kampagne, die insgesamt 23.000 € einspielte, diente den Gründern einerseits zur Finanzierung ihres Vorhabens. Sie war aber auch ein Test, ob ihr Angebot vom Markt angenommen wird. Nicht zuletzt hat die Kampagne dem Projekt große Reichweite und erste Kunde verschafft.

Nähere Infos: www.place2help.org/rhein-main/projekte/zero-waste-cafe-frankfurt

Crowdfunding und regionale Wirtschaftskreisläufe:
das urbane Landwirtschaftsprojekt „Die Kooperative“

Die Genossenschaft „Die Kooperative“ ist eins der ambitioniertesten urbanen Landwirtschaftsprojekte Deutschlands. Ihr Ziel ist es, landwirtschaftliche Produkte in Bioqualität für die urbane Bevölkerung direkt vor der Haustür zu produzieren. Über eine Crowdfunding-Kampagne hat die Genossenschaft im Dezember 2018 20.000 € gesammelt, um ein Hühnermobil zu finanzieren, in dem bereits drei Monate später 220 Hühner und 4 Hähne eingezogen sind. Durch die Kampagne wurde nicht nur Geld für ein wirkungsvolles Projekt eingespielt, sondern die Bevölkerung wurde für die Probleme unserer industriell geprägten Lebensmittelversorgung respektive Massentierhaltung sensibilisiert.

Nähere Infos: www.place2help.org/rhein-main/projekte/die-kooperative-grossstadthuehner

Die Beispiele zeigen: Crowdfunding kann in Städten und Regionen mehr bewegen, als nur Projekte zu finanzieren.

Es kann Impulse setzen für

  • mehr Lebensqualität, wenn Projekte mit positivem Impact für die Region finanziert werden,
  • mehr regionale Wertschöpfung, wenn Geld aus der Region für die Region investiert wird und viele Menschen partizipieren,
  • mehr Kreativität und Innovation, wenn Anreize geschaffen werden, gute Ideen mithilfe der Crowd in die Umsetzung zu bringen,
  • mehr Teilhabe, wenn Menschen ein Instrument erhalten, um die Stadt oder Region mitzugestalten, sei es durch eigene Ideen oder durch die Unterstützung einer Crowdfunding-Kampagne,
  • mehr regionale Identität, wenn Menschen über Projekte zusammengebracht werden und die gemeinsamen Erfolge einen positiven Bezug zur Region schaffen.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus: Mit Crowdfunding die Zukunft der Region gestalten: Der Ansatz von place2help Rhein-Main. Der Artikel erscheint im Herbst 2019 in der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Publikation „Lokale Wirtschaftsstrukturen transformieren – Gemeinsam Zukunft gestalten“.

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place2help erschließt die Potenziale des Crowdfundings für die Metropolregion FrankfurtRheinMain. 
Dafür wurden wir ausgezeichnet.

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